Das Unglück und die Katze
Es war einmal eine kleine Katze, die eines Tages auf dem Hof eines mir bekannten Textilunternehmens in China auftauchte. Das arme Ding war völlig unterernährt und schmutzig. Nun liegt es ja nicht in der Natur der Chinesen sonderlich tierlieb zu sein. Da aber Katzen jedoch Glück bringen, hatten sich die chinesischen Mitarbeiter dazu durchgerungen das Tier aufzupäppeln. Sie sparten sich beim Mittagessen den letzten Hühnerfuß vom Munde ab, um ihn mit dem lieben Tierchen zu teilen.
So lebte die Katze auf dem Firmengelände, wurde immer zutraulicher und wartete geduldig auf ihre nächste Mahlzeit. Eines Tages – das treuherzige Tier spazierte wieder einmal über den Hof – kam ein großer, böser Lastwagen und überfuhr die arme, kleine Katze.
Und ebenso wie lebendige Katzen nun mal Glück verheißen, bedeuten tote Katzen in China großes Unheil!
Am nächsten Tag, ganz früh am Morgen, begann man damit, einen Container zu beladen. Am frühen Vormittag wurde der Container wieder entladen. Am späten Vormittag wurde der Container wieder beladen. Gleich nach dem Mittagessen wurde der Container wieder entladen. Am frühen Nachmittag wurde der Container wieder halb be- und gleich darauf wieder entladen.
Auf die Frage des großen Deutschen, der zu der Zeit dort die Geschäfte führte, was denn nicht in Ordnung sei mit dem Container, erhielt er die Antwort, dass man sich beim Beladen immer wieder verzählen würde … und das sei auch verständlich, weil schließlich die Katze genau an dieser Stelle verstorben sei und jedermann wisse, dass eine tote Katze Unglück bringe.
Unter der weisen Anleitung des großen Deutschen wurde schließlich der Container am späten Nachmittag beladen und konnte samt LKW in Richtung Hafen von dannen ziehen.
Jedenfalls wussten nun jedermann, dass man mit dem gewaltsamen Ende des kleinen Katzentiers das Verderben auf sich gezogen hatte. Die Einheimischen fragten sich: „Wer kann uns helfen, das Unheil wieder von uns abzuwenden?“ – „Ein Schamane!“, sprach der eine, „Ein buddhistischer Mönch!“, sprach der andere, „Eine weise Frau?“, sprach der nächste.
Der große Deutsche sprach ein Machtwort und entschied, es werde einfach weitergearbeitet. So wurde unter großem Murren und Bruddeln die Arbeit wieder aufgenommen. In allen chinesischen Köpfen herrschte jedoch der Gedanke vor, dass zeitnah mit großem Unglück zu rechnen sei.
Und als dem einen eine schwere Kiste auf den Fuß fiel … und als der andere sich an der Maschine verletzte … und als der Computer-Server von einem Wurm und vielen Viren befallen wurde, da wussten alle: Es lag an der Katze!
Und die Moral aus der Geschichte? Wenn der Container damals nicht vom Lastwagen oder vom Schiff gefallen ist, dann ist er vermutlich inzwischen in dem Land angekommen, aus dem der große Deutsche kam.
Der Text stammt übrigens aus meinem 13. China Newsletter aus dem Jahr 2008 – aber das Bild nicht. Das stammt aus meinem diesjährigen Urlaub auf Sizilien.